Zeitzeugin Erna de Vries zum zweiten Mal am Antonianum

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Wie ist es, wenn man die Schule verlassen muss, weil Juden dort nicht mehr erwünscht sind. Wie ist es, wenn man erlebt, wie man auf einmal von vermeintlichen Freunden und Nachbarn gemieden, der Einkauf im einzigen Geschäft der näheren Umgebung zum Spießrutenlauf wird? Wie ist es, wenn man mit 15 Jahren auf dem Grab des Vaters abwartet, bis eine Nazi-Rotte das eigene Zuhause zerstört hat? So geschehen am regnerischen 10. November 1939 in Kaiserslautern, als Erna de Vries mit ihrer Mutter und dem 6-jährigen Cousin sich keinen anderen Zufluchtsort als das Grab des Vaters vorstellen kann. Wie groß muss die Liebe zur Mutter sein, wenn man mit aller Macht versucht, auch nach Auschwitz deportiert zu werden, um bei ihr bleiben zu können, obwohl man weiß, dass dort die eigene Ermordung geplant ist? Wie überlebt man einen Arbeitsalltag, der mit einem Fußmarsch zu einem Teich, vorbei an den Krematorien in Birkenau, auf Holzschuhen, die die Knöchel verletzen, beginnt und dann die mehrstündige Schilfernte im brusttiefen Wasser und den Rückweg umschließt? Das Ganze bei einer schmalen Brotration. Am Abend wartet nur die mit mehreren Frauen und einer zerlumpten Steppdecke geteilte Koje. Keine Möglichkeit, sich zu waschen, keine Kleidung zum Wechseln, saugendes Ungeziefer wie Läuse und Wanzen allerorten. Die aufgekratzten Bissstellen entzünden sich. Die 5-Mark-Stück großen, vereiterten Wunden werden bei der monatlich stattfindenden Selektion entdeckt und führen zur Klassifizierung „nicht arbeitsfähig“, was in Auschwitz ein Todesurteil ist. Wie ist es zu verkraften, wenn man dann einerseits im letzten Moment als „Halbjüdin für die Rüstungsindustrie“ aus dem Todesblock errettet, aber andrerseits von der geliebten Mutter doch noch getrennt wird? So alles geschehen von Herbst 1943 –  Frühjahr 1944. Das Gesetz, wohl um Arbeitskräfte für die Rüstung zu gewinnen, dass sogenannte Halbjuden von der geplanten Vernichtung vorerst ausgenommen werden, rettet Erna de Vries, die eine jüdische Mutter und einen christlichen Vater hat, das Leben. Die Mutter muss bleiben und stirbt im November 1944 in Auschwitz. Aber vorher gibt sie ihrer Tochter einen dringenden Wunsch mit: Du wirst überleben und du wirst erzählen, was uns und den vielen anderen geschehen ist.

Diesem Wunsch entsprach Erna de Vries nun zum zweiten Male in der Aula des Gymnasiums Antonianum, wo der 10. Jahrgang sich versammelt hatte, um lautlos und gebannt den Erzählungen der Zeitzeugin zu lauschen. Volle eineinhalb Stunden sprach Erna de Vries, Jg. 1923, frei und sehr klar, ihre Emotionen nicht verschweigend, aber darüberstehend vor den Schülerinnen und Schülern. Dass sie diese Anstrengung auf sich nahm und damit den Schülerinnen und Schülern die Teilhabe an ihren Erlebnissen ermöglichte und im Anschluss sich auch noch den interessierten Fragen stellte, dankten diese mit reichlichem und herzlichem Beifall.

Annegret Struck

 

 

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