Kim Weißer: Diskoschlampe

ontag, 25.01.2010 21:25, Autor: ]

Hastig nahm sie ihre Verzehrkarte entgegen und versteckte sie schnell in ihrem BH.
Das Licht vibrierte um sie herum, flutete durch die Eingangshalle.
Sie merkte, wie sich ihre Muskeln langsam entspannten und ihre Schultern etwas hinuntersanken.
Spiegel dienten als Wandverkleidung.
Die betrachtenden Augen ihres Abbildes glitten über ihren Körper.
Ihr weißer Rock reichte bis über das Muttermal auf dem Oberschenkel, ihre Stiefel kletterten bis zum Knie.
Das Bauchnabelpiercing blitzte wie ihre Ohrringe und die Kette, die bis in den Ausschnitt fiel.
Die Verzehrkarte fiel im Push-Up nicht weiter auf.
„Geil“, rief ein schon in die Disko Torkelnder.
Sie drehte sich um, das zuckende Licht auf ihrem misstrauischen Gesicht ließ sie wie im schleudernden Sturm, im Gewitter erscheinen.
Sie atmete tief ein, so viele Menschen, ihre Mädels winkten.
„Jessi, komm. Wooohooo!“, schnell lief sie zu ihrer Freundin.
Als sie die Main Area betraten, schlug ihnen der Wall aus Musik entgegen, die Bässe traten gegen ihr Herz.
„Eeeeyyy, Jessica! Sexy Chics. Kommt rüber, ham grad drei Flaschen Wodka offen.“
Ein Bekannter gestikulierte angetrunken durch die künstliche Luft.
Der Lasernebel umhüllte sie, als sie die Jungs begrüßten.
Sie kannte alle bis auf den letzten, den sie in die Arme schloss. Sein Aftershave roch intensiv.
Ihre Freundin bewegte sich schon zum Beat.
Doch Jessica tanzte nicht, ihre Muskeln zu verkrampft.
Der Wodka floss ihre Kehle hinunter, sie schüttelte sich. Ein letzter Tropfen stürzte ihre Haut hinab und zog die Spur der Nacht.
Sie grinste und nahm noch einen Schluck.
Die leere Flasche gab sie der Bedienung zurück.
Für einen Moment berührten sich ihre Duftwelten und der Kosmos außerhalb des zuckenden Nebels stürzte auf Jessica ein.
Parfüm ihrer Mutter. Vor dem Fernseher. Kaltes Licht zuckt über die Masse auf dem Sofa.
Müde Augen, flackernde Gleichgültigkeit, wenn Jessica geht, schon wieder, egal wann sie wiederkommt. Ob.
Sie schüttelte den Kopf, nasser Hund im Regen, und legte den Arm um die Hüfte des Unbekannten. Sein Aftershave hielt sie fest.
Sie nahm noch einen Schluck aus der anderen Wodkaflasche.
Ihr wurde warm, heiß, endlich war ihre Kleidung nicht mehr unangemessen. Ihre Freundin zog sie auf die Tanzfläche.
Der Beat rauschte durch ihren Körper, explodierte in ihrem Kopf, wie das Licht darüber.
Sie riss die Hände in die Höhe, „Woooh“, streckte sich sexy der Decke entgegen, strömte mit dem Bass.
Sie ahnte, dass alle Jungs im Umkreis sie geil fanden, haben wollten.
Sie tanzte in Richtung Boden, in ihrem Kopf taumelten Musik und Licht durcheinander.
Plötzlich umhüllte sie wieder das Aftershave, der Typ tanzte sie an, legte seine Hände auf ihre Oberschenkel.
Er suchte die Spur der Nacht, den Wodka an ihrem Hals, ihr wurde heiß.
Heute Nacht würde sie geliebt werden.
Rausch aus Wodka, flackernden Herzen und rasenden Beats.

Karen Luc: Jugendsünde

Müde Schwüle tropfte dunkel von der rosa Blümchentapete. Schwer legte sich die feuchte Luft, in das Zimmer schleichend, auf alles Leblose und Lebende. Der helle, kluge Kopf neigte sich dem Ende, die Öffnungszeiten waren vorbei. Bebende Stille. Die gefangenen Glühwürmchen flackerten schwach und kurz, bis sie zerstört wurden. Sie erwachte. Völlig aufgelöst tapste sie in ihrem duftenden Nachtnegligé durch ihre Schreibtischschublade und griff nach der unsichtbar von Tabak umhüllten Streichholzschachtel. Die schüchterne Flamme erlichtete den verbrecherischen Klumpen. Ein grün-rot frühgereifter Apfel. Sie nahm ihn an sich. „Der kommt doch aus unserem Garten!“, dachte sie und glitt instinktiv zur Balkontür. Ihr Puls raste, als ihre Blicke mit den verlorenen eines braun zerzausten Kopfes aufeinanderstießen. Sie wusste, dass er betrunken sein musste. „Alyssa, ich will dir was sagen!“ Ihr hellwacher Verstand holte sie zurück. Seine Gehirnzellen defektierten. „ Jeden Morgen…an dem ich dich seh- ne…sehe ich mich… nach… dich! Keine Stunde vergeht … ohne, dass ich - nicht…“ Hin und her schwenkte er zum Pendel einer brüchigen Uhr. Erst jetzt entdeckte sie den verwelkten Blumenstrauß zwischen seine Fingern geklemmt. Margeriten, aus ihrem Garten. „ Keith,… bitte … bitte geh nach Hause!“ Sein glasiger Blick verengte sich, genau wie damals. Vergangene Gedanken durchkreisten irrelos ihren Kopf. Sie standen vor der Schulbibliothekskammer. Sie wunderte sich, was den sonst so schüchternen Mitschüler aus ihrem Biologiekurs hier aufhielt. Sein Blick spiegelte ihre eigenen Augen wie das bunte Glas ihrer Balkontür wider. Faszinierend. Die Hände, zwei Lektüren im Regal seiner Hosentasche gesteckt, stammelte Keith sie zum ersten Mal an. „Du hast ein wirklich … engelgleich schönes Tattoo.“ Eine goldene Feder ragte verschmitzt aus dem gebrochenen Flügel ihres linken Knöchels. „Danke.“, antwortete sie und eine rötlich blasse Wärme umspielte ihre Wangen. Es ziepte. Ein neugieriger Blick genügte, um die deutlichen Spuren ihrer schwachen Nerven zu erkennen. Doch das beschwingende Gefühl der Bestätigung haftete sich fest an ihr. „Bitte, Alyssa… lass mich rein! Ich …ich… liebe dich.“ Eine Starre des Schocks ließ ihre Arme sinken. Sie hatte es gewusst - schon lange. Und doch setzte ihr Puls beim Anklang dieser drei einfachen Wörter aus. Nie zuvor, außer bei ihrer alten Mutter, durchdrungen solche lieblichen Worte zu ihr. „Mama, sag mir warum. Es bleibt auch nur dieses eine Mal! Diese eine letzte Party im Monat.“ Flehentlich. „Nein, meine Liebe. Du bleibst brav zu Hause. Schließlich ist dein Vater heute zurückgekehrt.“ Alyssa ließ nicht nach; sie wollte nach den Sternen greifen. Der lächelnde Abend, an dem sie Momente der sich mit ihr verschmelzenden Welt genießen wollte, endete bitter und vereist. Eine leere Wand weiter wehten dumpfe Schreie ihrer streitenden Eltern durch den Türschlitz ihrer geschlossenen Zimmertür. Von der Starre erlöst, zitterte sie leicht. Ihr hellwacher Verstand verließ sie. Die verblassten Flügel schritten automatisiert von Fenster zurück. Momente der Dunkelheit zogen weiter. Befreit wandelte sie sich vom weißen Strudel zwischen Zeit und Illusion ab. Eine Fülle von Schwarz befleckte das belebte Naturwild, Erinnerungen verliefen sich in der Masse. Die Woge unausgesprochener Tropfen legte sich schwer auf die leblosen Schatten. Leichenduft. Die Glühwürmchen waren längst ausgeschwirrt. Sie versammelten sich punktuell auf den trockenen vermoderten Boden an. Alyssa wedelte sie seichte weg. Ein saftiger rot ausgereifter Apfel. Das langsam verschwimmende Glas im Herzen nahm sie ihn an und biss blind hinein.

Eike Wahls: Mein Feind, der Nachtfreund

Eigentlich sollte es der erste Tag in meinem neuen Leben werden, an dem ich auferstehe von den Depressierten, an dem ich das tiefe Tal der Trauer hinter mir lasse. Wie aus dem Nichts kam es über mich, gerade über mich, den doch sonst so bodenständigen Kaufmann von nebenan. Es sollte der erste Tag werden, an dem es wieder aufwärts geht. Verkehrsunfall auf der Autobahn, 200 Sachen, Leitplanke, eine tote Frau, meine Frau, keine Verletzten, nur Blechschaden. Für mich allerdings Totalschaden... Der erste freie Tag bis dass der Tod euch scheidet, also nun geschieden hatte.
Auf dem Friedhof hatte ich sie kennen gelernt, ähnliche Geschichte, mein Alter; erstes, nun gut, zweites Treffen auf dem Jahrmarkt um die Ecke.
Früher konnte ich es nie ertragen, in eine ungewisse Zukunft zu vegetieren, andererseits könnte ich meinen Beruf gleich an den Nagel hängen, wenn mein „Ein-und-Alles“ nicht mehr hier ist, von uns gefahren ist. Warum lebt man denn noch, wenn die Realität es möglich macht, jeden in eine solche Perspektivlosigkeit zu zwingen? Ich jedenfalls gehöre nicht zu diesen Freunden der Realität, die vor der ersten Freundin einen Bausparvertrag hatten. Obwohl das so auch nicht richtig ist, denn vor dem Wegfahren war ich auf dem besten Weg gewesen, in diesen Freundeskreis aufzuschließen. Doch eigentlich sollte ich Ihnen das hier gar nicht erzählen, wenn es doch mein erster Tag ist heute. Aber die Vergangenheit als guter alter Freund bleibt an mir haften wie ein Schatten in der Sahara, selbst die Nacht kann ihn nicht vertreiben, sie vermehrt ihn, sodass er fett wird. Dann liege ich dort alleine und doch ist es, wie als wenn man immer wieder eingeholt wird, von der Vergangenheit, diesem fetten Freund, der mich mit seiner Unförmigkeit immer daran zu erinnern versucht, wie es war früher. Nachts muss ich mich ihm stellen, denn dann ist er überall um mich herum und ich falle in dieses tiefe Loch der Verfolgung alter Gedanken, auf der Suche nach dem Licht.
Eigentlich sollte es der erste Tag in meinem neuen Leben werden. Ich stellte keine zu hohen Erwartungen an ihn, außer dass er mein Leben verändern sollte. Aber dies macht doch auch schon heute jeder Tag? Was war nun also das Besondere an diesem Tag? Versprach ich mir von dem Treffen einer Witwe wirklich so viel, dass es sich lohnte, von Neubeginn zu sprechen?
Wir trafen uns am Riesenrad, Erkennungszeichen Kreuz als Halskette. Warum wir danach ausgerechnet in die Geisterbahn wollten, dessen kann ich mich nicht mehr entsinnen, wenngleich es durch viele neue Ereignisse erneut in mir belebt wurde. Dieser Ort verbarg eine tiefe Offenbarung. Wenn ich vorher gewusst hätte, dass mein guter alter Freund sich selbst in ihr verbarg, ich wäre nicht eingestiegen. So nun aber musste ich mit ansehen, wie er auf mich lauerte, direkt nachdem die Gondel die Eingangstür passierte. Meine Begleiterin musste ihn auch spüren, schließlich schmiegte sie sich an meinen Oberarm, umklammerte ihn wie einen Rettungsring. Eigentlich sollte es der erste Tag in meinem neuen Leben werden, doch ich brüllte aus Leibeskräften einen ehemaligen guten alten Freund an, der nicht akzeptieren wollte, dass ich keine endlosen Nächte mehr mit ihm verbringen möchte, mich der Versuchung, seine Nähe zu suchen, entsagen wollte. Ich wurde ihn aber nicht los, dieses Wesen, das sich Freund schimpft und mich umgibt wie eine schwarze Brille, die sich nicht mehr abnehmen lässt. Ich brüllte ihn weiter an, sprang auf und warf meinen Schuh nach ihm, aber es half nichts, denn er war schließlich überall. Meine neue Bekanntschaft wusste nicht, was sie tun wollte, und schien mehr aus Frust als aus Angst zu schreien, bei mir hingegen war es schlicht Angst, wieder in die tiefe Schwärze zu fallen, durch die ich gerade fuhr.
„Hau ab“, schrie ich und „Such dir jemanden anderes“, entgegnete ich seinem Schweigen. Schweigen war sowieso sehr typisch für ihn, immer nur Schweigen. Ich konnte selbst den ganzen Tag lang mit ihm in alten Gedanken schwelgen, ein Wort brachte er dabei nie hinaus. Einzig seine Anwesenheit war Grund genug, mich zu belasten. Damit sollte aber heute Schluss sein.
Eigentlich sollte es der erste Tag in meinem neuen Leben werden, doch auf einmal wurde es Licht. Offensichtlich musste ein Mitarbeiter der Geisterbahn meinen Freund rausgeschmissen haben, richtig so, zahlte er doch keinen Eintritt und beanspruchte trotzdem, sich drinnen auszubreiten und auf mich zu lauern. Nur um mich dann wieder in diese tiefe Welt zu stürzen, wo er mich hinhaben will. Er scheint Spaß dabei zu haben, andere leiden zu sehen, anderen den letzten Atemzug aus der Lunge zu blasen oder anderen Steine in die Suppe zu schmeißen, die es auszulöffeln gilt. Genau genommen kann mein Freund also gar nicht ein Kumpel sein, es muss sich um einen Feind handeln, welcher mich immer wieder umgibt, um mich zu benebeln mit seiner Melancholie, bis ich angesteckt bin von ihr wie von einer Droge. Ich nenne meinen Feind „Nachtfreund“, denn nur mit einem Namen kann ich ihn auch bekämpfen.
Eigentlich sollte es der erste Tag in meinem neuen Leben werden, doch er beginnt mit einem Kampf gegen das Alte.

Tale Inger Ulbrich: Grenze - Ich - Grenze

Grenze - Ich - Grenze

Die ewige Freiheit des Menschen, die unantastbare Würde, was sind das für Grundsätze, die niemals eingehalten werden oder eingehalten werden können? Unmöglich. Ich lebe; doch dieses Leben ist nicht meines, ich spreche nie von meinem Leben, dieses Leben eines Mädchens ist fremdbestimmt. Grenzen, geschlossene Grenzen in einem System ohne jegliche Hoffnung auf ein endliches Ende. Wie eng ich sitze, stehe, lebe. Diese Enge ist unglaublich, sie reicht weit, sehr weit. Sie geht bis ins kleinste Detail, kontrolliert was ich tue, was mich veranlasst Dinge zu tun. Ich sehe immer nur diese eine Welt, in der ich Freunde habe, Familie, ein Zimmer, ein Auto, ein Boot, ein Buch, aber warum? Warum alles das, alles, das meine Umgebung bestimmt, mein Verhalten, das Verhalten einer Lebenden.
Meine Geburt war ein Bestimmtnis. Ich war ein Wunschkind. Eine gleichzeitige Grenze. Ich kann nichts sehen, fühle mich hilflos, ungewiss vor der Zukunft, unmittelbarem Wohlbefinden meiner Person und das der anderen. Das einzige, was mir bleibt, ist groß, ist weit, ist unantastbar, ist nicht da, für niemanden sichtbar. Es gehört mir nicht. Es hat praktisch keinen Sinn. Es ist nicht bestimmt, etwas, das selber sein kann, leben darf. Grenzenloses Eigenleben, die Weite, die ich mir vorstelle, aber trotzdem nicht wünsche.

Luisa Chilinski: Schweißnassgebadet...

g, 28.12.2009 20:40, Autor: ]

Schweißnassgebadet aufgewacht
erneut geträumt, erneut gestorben:
James Mortis fällt, sein Kopf schlägt auf
als schwarzer Regen ihn bedeckt.

Jeden Morgen, jeden Abend
tief verloren, Soldat James Mortis
wenn seine Kellertür sich schließt

Ach, wie war der Tag noch damals
als Feuer fern und Leid ihm fremd
Menschen sich zufrieden lieben
Vergnügen spät erkannten Werts

Sie kamen als Pulk, sie stürmten im Wahn
getrimmte Meute! verschluckte den Tag.
Aus staubiger Asche Polizei drängte an
zerstörte mit blut'gen Waffen das Land!

Jetzt kämpft James Mortis in seiner Welt
träumt von der Kugel in seinem Herzen, geteiltes
Leben, verlor'nes Leben
zersplitterte Scherben
sucht Splitter täglich im Schlaf.

James Mortis, James Mortis
oh deine Blumen sind welk
komm ans Licht und kauf' neue
säe neu doch dein Beet

– das Loch deiner Brust wartet lang schon auf Grün

Felix Lang: Doppelleben

Er kauft Aktien der deutschen Bank,
Ackermann ist sein Vorbild.
Er träumt von 25% Eigenkapitalrendite pro Quartal, obwohl er alles zum Leben hat.

Devise, Derivat und Dividende,
so heißen seine besten Freunde.
Finanzaufsicht, Kartellamt und Börsenumsatzsteuer machen ihn traurig.

Er ist ein dicker, gieriger Mann,
trägt stets rotes Krokodilsleder
und kämmt seinen Bart mit Elfenbein.
Er ist Vollblutkapitalist, ein Banker (!!),
der Alptraum unserer Kinder.

Nur einmal im Jahr ändert er sich scheinbar.
Zwar bleibt er dick,
doch tauscht er Leder gegen rote Seide, von Kindern aus Indien handverlesen,
lässt seine Lakaien das umgestylte Bat-Mobil vorbereiten,
holt dafür aber persönlich sein Nutzvieh von den Kumpels aus den arabischen Emmiraten ab,
die das regionale Essen nicht vertragen und deshalb im Dunkeln rot leuchten.

Dann fährt er endlich hinaus,
um Werbung zu machen.
„Sell, hold, put and call“ kennt er zwar noch,
aber heute macht er „give“.

Den Quotenneger Knecht Ruprecht lässt er neuerdings zu Hause.
Früher ein ausgezeichneter Mitarbeiter und Schutzgelderpresser,
verschreckt er heute zu viele Rotznasen mit seiner Rute,
und so kann der dicke Mann weniger Geschenke von der Steuer absetzen.

Sein zumeist fälschlicherweise als Lachen interpretiertes Husten „Ho, ho, ho!“ kommt in Wirklichkeit von den auf den nackten Schenkeln junger Kubanerinnen gerollten Zigarren
- man gönnt sich ja sonst nichts.

Am nächsten Morgen, nach getaner Schmiergeschenkaktion,
teilt er sein Frühstück nicht.
Ab in Anzug und Krawatte,
Goldkettchen angelegt,
Haare nass zur Seite gekämmt,
und vor die Kamera gestellt.
„Willkommen zu den Nachrichten auf N-TV,
ich bin ihr Weihnachtsmann.“

Daniela Heyng: Fräulein Tod

Vom Westen her zieht Nebel auf,
die Menschen, die voll Angst und Not,
unberührt vom Lebenslauf,
einsam warten auf den Tod.

Der zarte Duft der weißen Rose,
bis hinauf ins Firmament,
verwirbelt durch die Windeshose,
wo der Sterne Leuchten brennt.

Fräulein Tod, im Klang von Schellen,
durchmisst den Garten schreitend, kalt.
Der Teich gefriert in sanften Wellen,
der Tau zu Eis sich wirbelnd ballt.

Am Waldesrand, dem Rosenschloss,
ein Junge zitternd, ängstlich, klein,
erwartet er den schwarzen Tross,
doch Todes Augen trügt kein Schein.

Die schwarze Hand des Fräulein Tod
fasst das Kinn des Jungen fest,
schimmernd, hart wie Steine, Schrot,
ihr Augenschlag ein warnend Test.

„Angst?“, fragt sie mit sanften Stimmen
und lächelt voller Grausamkeit,
die schwarzen Klauenhände trimmen
auf zitternde Gehorsamkeit.

Der Junge schluchzt ergeben auf,
das Blut ziert seine Kehle rot,
gierig folgt sie seinem Lauf,
das schwarz-verbrannte Fräulein Tod.

Brückenschlag

 

"Interessant war vor allem der Kontrast!"
Die Mitglieder der Schreibwerkstatt haben am Zweiten Advent zusammen mit dem Leiter des Geest-Verlags, Alfred Büngen, die traditionelle Weihnachtslesung im Titus-Stift in Vechta bestritten.
Abwechselnd mit Herrn Büngen lasen sie eigene Texte zum Thema Weihnachten, die sie in den vergangenen zwei Wochen verfasst haben; der Verlagsleiter versuchte dabei, die Geschichten der Jugendlichen mit eher klassischen Weihnachtstexten zu kontrastieren oder zu unterstützen.
Etwa 20 Zuhörer in der Cafeteria des Titus-Stifts spendeten herzlichen Beifall und - zur Überraschung der Gruppe - am Ende auch das Eintrittsgeld als Dank und "Honorar" für die Arbeit der Jugendlichen.
Für das nächste Jahr wurde locker der Gedanke vorgetragen und verabredet, dass sich die Schreibwerkstatt des Titus-Stifts und die des Antonianums einmal treffen könnten, um gemeinsam zu schreiben.
Eine für viele ganz neue Art des Brückenschlags zwischen den Generationen, die das Schreiben hier ermöglicht!

O. Bröcker

P.S. Unter "Arbeitsgemeinschaften" -> "Schreibwerkstatt" findet sich seit Kurzem jede Woche ein neuer Text aus der Gruppe - ein Montagstext! Schauen Sie doch einmal hinein!

Lena Schnieders: Die Französin

Grümmelsheim an einem Samstagabend so gegen halb zehn. Frau Milchmayer steht hinter der Theke ihrer kleinen Schenke und überlegt krampfhaft, was wohl ein "Pommes de terre" und ein "l´eau" sein könnten. Das war die Bestellung einer jungen Frau, die nicht von hier kam. Keiner kannte sie oder hatte sie schon mal gesehen, aber die Männer konnten sich von den Bildern in ihrem Kopf, die das Auge zuvor eingefangen hatte, nicht lösen.
Mich selbst erinnerte sie ein wenig an Brigitte Bardot durch ihre blonden Haare, den tiefen Ausschnitt und die lange Zigarette zwischen ihren rot lackierten Fingernägeln. Ich ertappte mich dabei, wie ich mich über ihre blonden Haare wunderte, obwohl sie doch Französin war. Der klassische Schubkistendenker, der in uns allen steckt, war zum Vorschein gekommen. Dabei hasste ich Schubladendenken. Es ist doch auch nicht jeder Deutsche ein jodelnder Kuckucksuhrenliebhaber.
Frau Milchmayer kreuzte meinen Gedankenfluss, als sie der französischen Dame eine guten Schleif voll Kartoffelsalat und etwas Apfelsaft brachte. Die arme Frau, sie hatte nicht herausgefunden, was die Bestellung wirklich bedeutete, und einfach einen deutschen Klassiker serviert. Dem Brigitte-Verschnitt war der Ekel über das Mahl deutlich anzusehen und sie konnte es sich nicht verkneifen, die Wirtin zu beschimpfen. Das ganze Theater nur wegen Kartoffelsalat und einer Kommunikationsstörung.
Nachdem das französische Fräulein ihren Tobsuchtsanfall überwunden hatte, erschien ein kleiner Mann im Wirtshaus.
Er hatte kurzgeschorene schwarze Haare, die er mit einem grünen Generalshut bedeckte. Seine Uniform war übersät von Abzeichen und seine hohen Stiefel glänzten wie die Speckschwarten beim Metzger. Er hatte eine tiefe Narbe in der linken Gesichtshälfte, die er keineswegs verbarg. Ganz im Gegenteil, er schien sehr stolz auf sie zu sein, genauso wie auf den Stern, der sein Land repräsentierte und auf seiner linken Brustseite aufgenäht war. Er blickte suchend durch den Raum, schien aber nicht auf das zu stoßen, was er suchte.
Sein "Spotblick" blieb auf dem Ausschnitt der Französin hängen. Meine Nackenhaare stellten sich auf, als ich sah, wie sich ein grausames Lächeln auf seinem Gesicht zu entfalten begann, er korrigierte seinen Ausdruck nicht, sondern schritt auf sie zu. Seine strammen Schritte erfüllten den ganzen Raum und mir war, als würde er nicht mehr warten können, als habe er es eilig oder sehr nötig.
Die junge Frau sah ihn an und schien sofort zu verstehen, was er wollte. Aber sie zierte sich. So ist es recht, ich war vergnügt über den Gedanken, dass ein so harter Soldat, der Orden und Abzeichen trägt, nicht in der Lage dazu war, eine Frau rumzukriegen.
Ich lag falsch, er packte sie wütend am Handgelenk und riss sie zu sich. Der Tisch fiel zu Boden und der Kartoffelsalat bahnte sich seinen Weg auf dem Fußboden. Es blieb kaum Zeit zum Nachdenken, denn er zog sie hinter sich her auf die Straße und dann in ein Auto.
Ich lief hinterher, entsetzt über das eben Geschehene.
" Hey Sir, Sie können doch nicht...." Draußen war Totenstille.
Als wäre nichts passiert, legte die Dunkelheit sich über die Bewohner und den Zwischenfall in der Schenke.

Svenja Bösing gewinnt Literaturpreis

svenja berne

Am Sonntag wurde Svenja Marie Bösing aus der Schreibwerkstatt mit dem Preis der besten Nachwuchsautorin der 2. Berner Bücgherwochen ausgezeichnet. Dazu musste sich Svenja zunächst gegen etwa 400 zum Teil professionelle Autoren durchsetzen, damit ihr Text "Ich bin müde" (siehe unten) in die Anthologie "Grenzerfahrungen" aufgenommen wurde.
Nachdem sie schon bei der Eröffnungsveranstaltung der Bücherwochen lesen durfte (siehe vorletzten Bericht), nahm sie nun aus den Händen des Veranstalters, Reinhard Rakow, und der Sprecherin der Kulturstiftung Wesermark, Birgit Bethge, den mit 100 Euro dotierten Preis entgegen.
Ihr Text, so Reinhard Rakow bei der Verleihung, zeige mit der Darstellung eines männlichen Jugendlichen, der sich im Urlaub in einen älteren Jungen verliebt, ein ungewöhnliches Einfühlungsvermögen in diese Art Grenzüberschreitung.

Svenja ist seit einem halben Jahr Mitglied der Schreibwerkstatt, in der sich zurzeit acht Jugendliche wöchentlich mit selbstgeschriebenen Texten auseinandersetzen.
Ab sofort wird auf dieser Seite unter "Arbeitsgemeinschaften" - "Schreibwerkstatt" etwa jede Woche ein Text dieser Gruppe veröffentlicht werden.
Viel Spaß beim Lesen - und vielen Dank für eure dann hoffentlich zahlreichen Rückmeldungen!

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