Lydia Kock: Der Lärm verstummt

Am 3.11. lief unter der Rubrik "Jugendliche melden sich zu Wort" auf der Seite des Geest-Verlags der Beitrag, mit dem Lydia Kock einen Platz in der Anthologie des Brüggener Bücherherbstes erreicht hat.

http://www.geest-verlag.de/audio/lydia-kock-der-l%C3%A4rm-verstummt

 

Lydia Kock
Der Lärm verstummt

Sie sagen nichts und beobachten nur das Zucken der Augen des anderen, um daraus zu lesen, doch diese Augen haben schon lange nichts mehr zu sagen, waren einst voller Farbe, doch sie blichen aus mit der Zeit. Mich ekelt an diese Stumpfheit, die Tristesse der Sinne,
ekelt mich an, laufe davon. Über die Stufe der Küchentür stolpere ich jedes Mal, doch es interessiert nicht mehr, selbst wenn ich einen Schuh verliere. Das Gras ist noch feucht, schon ekeln sie mich an. Während ich noch durch Wolken laufe, sind sie bereits blind. Ich laufe schneller, strauchle über Sträucher und erreiche das Ende der Weide. Meine Kleidung durchnässt und nimmt feuchte Erde mit sich, als ich den Zaun unterwinde.
Und dann bin ich da. Vor mir der Wald. Fuß nun vor Fuß, und es wird dunkler und kühler. Der Wald kühlt mich ab. Kühle Gedanken in einem zitternden Körper, kühle Lunge neben einem tobenden Herz. Ich fühle mein Inneres. Nun ist es weniger hitzig, gefahrloser anfassbar. Ich besinne mich, ohne zu zerspringen. Nur der Ekel ist geblieben. Ich erbreche, der Wald nimmt mir den Ekel, ich gebe ihn ab. Eine Weile der Erholung. Fuß nun vor Fuß in die Mitte der Freunde. Denn dort muss ich gestehen, dass der Ekel nur die Angst zu verdecken versuchte, mein Auge für das Glück zu verlieren.
 

 

 

Buchpremiere in Brüggen

  • Lydia Brggen 2012

In der Gemeindebücherei Brüggen mussten erst einmal eifrig Stühle herbeigeholt werden, denn der Zuschauerzuspruch hörte gar nicht auf. Mehr als 100 Besucher waren gekommen, um zum Auftakt des 4. Brüggener Literaturherbstes die Premiere der Anthologie 'Der Lärm verstummt, bis Stille in dir ist' zu erleben. Und keiner der Gäste wird sein Kommen bereut haben. Die 120 Minuten-Leseprogramm der ausgewählten Autoren zeigten das hohe lyrische und erzählerische Niveau der Anthologie an. Markus Fegers uns deine MusikerkollegInnen begleiteten den Abend zudem geisternd musikalisch und das Team der Bücherei hatte die Gemeindebücherei in einen tollen Veranstaltungsraum verwandelt.

Unter anderem lasen Lydia Kock und Olaf Bröcker.

http://www.geest-verlag.de/news/tolle-autoren-tolles-veranstaltungsteam-tolles-publikum-br%C3%BCggener-literaturherbst-feierte-begei

 

 

 

Jana Ruder: Hauch von Selbst

Ein weiterer, etwas älterer Text wird heute präsentiert: Jana Ruder (Abitur 2009), Hauch von Selbst:

http://www.geest-verlag.de/audio/jana-ruder-hauch-von-selbst-jugendliche-melden-sich-zu-wort-3

Hauch von Selbst


Ich schaue auf euch herab, lache und weine, aber es fällt mir schwer zu begreifen, die Welt und ich.

Leute laufen, gehen und rennen. Ihnen fehlt es an nichts oder bin ich nur blind, dass ich mein Spiegel­bild in ihnen nicht sehen kann? Bin ich denn voll­kommen verschwunden, wo ich doch einen Hauch meiner Selbst wahrnehmen kann? Der Händler im Geschäft hantiert mit Geld, welches ich nie besaß, aber so viele Wesen haben es schon berührt, so­dass der Unterschied nicht existiert.

Ich fühle, ich zeige Emotionen, und Tränen regnen auf euch hinab, warm und lautlos. Die seelenlose Hülle, meine Identität, ist sie auch hier? Ich merke es und du auch. Du da unten im Park, auf der Bank, im Mantel, der dich warm hält. Du solltest mich ken­nen, denn ich sollte auch dort sein. Du vermisst mich nicht und das weiß ich. Du kennst mich nicht und ich wünschte, es wäre endlich.

Die Liebe war nichts, obwohl sie unbesiegbar scheint, doch ich erkenne, es ist falsch. Ich sehe das Paar auf der Straße. Sie lieben einander und es macht mich wieder zu einer einsamen Seele.

Ich will nicht mehr. Es soll aufhören. Ihr braucht mich und ich auch.

Luisa M. Chilinski: James Mortis

Ein beeindruckendes Antikriegsgedicht von Luisa Maureen Chilinski steht heute auf der Homepage des Geest-Verlags: James Mortis

http://www.geest-verlag.de/audio/luisa-maureen-chilinski-james-mortis-jugendliche-melden-sich-zu-wort-3

James Mortis

Schweißnassgebadet aufgewacht,
erneut geträumt, erneut gestorben:
James Mortis fällt, sein Kopf schlägt auf,
als schwarzer Regen ihn bedeckt.

Jeden Morgen, jeden Abend
tief verloren, Soldat James Mortis,
wenn seine Kellertür sich schließt.

Ach, wie war der Tag noch damals,
als Feuer fern und Leid ihm fremd.
Menschen sich zufrieden liebten,
Vergnügen spät erkannten Werts.

Sie kamen als Pulk, sie stürmten im Wahn,
getrimmte Meute verschluckte den Tag.
Aus staubiger Asche Polizei drängte an,
verstörte mit blut’gen Waffen das Land!

Jetzt kämpft James Mortis in seiner Welt,
träumt von der Kugel in seinem Herzen,
geteiltes Leben, verlor’nes Leben,
zersplitterte Scherben,
sucht Splitter täglich im Schlaf.

James Mortis, James Mortis,
oh, deine Blumen sind welk,
komm ans Licht und kauf’ neue,
säe neu doch dein Beet –

das Loch deiner Brust wartet lang schon auf Grün

Anneke Hugenberg: Warme Nacht

Am 17. 10. erschien auf der Verlagsseite wieder ein Text aus der Schreibwerkstatt des Antonianums, diesmal "Warme Nacht" von Anneke Hugenberg. Der Text stammt aus dem Literarischen Stadtführer für Vechta, dem "Straßenfeger", der in Zusammenarbeit mit der Stiftung Niedersachsen (Projekt "Communauten"), dem Museum im Zeughaus sowie der Tourist-Info Vechta zu Beginn des Jahres erschienen ist. Der vorgestellte Text stammt vom Literaturpunkt "Friedhof".

Zu dem Stadtführer gibt es ebenfalls eine Audio-Guide-Fassung; sie wird gerade zusammengestellt und am 13.12. im Museum im Zeughaus der Öffentlichkeit vorgestellt.

Hier der Link zu der Hördatei:

http://geest-verlag.de/audio/anneke-hugenberg-warme-nacht-jugendliche-melden-sich-zu-wort

 

Anneke Hugenberg
Warme Nacht


Warme Nacht
Liebkost sanft
Mond und Sterne.
Menschen
Suchen leise -
Heimat.
Während Dunkelheit
Alle Kälte verschluckt
Und einzig
Wohlige Geborgenheit
Sich über die Gräber legt. –
Bis die Vögel
Sie vertreiben. -
Mitternacht.

 

 

Tanja Lücker: Traummänner

Unter der Rubrik "Jugendliche melden sich zu Wort" stand am 16. Oktober Tanja Lückers Text "Traummänner":

http://geest-verlag.de/audio/tanja-l%C3%BCcker-traumm%C3%A4nner-eine-satire-jugendliche-melden-sich-zu-wort

 

Tanja Lücker
Traummänner


Von Wärme umströmt und ihrer Lieblingsmusik verwöhnt, rutschte sie tiefer in ihre weiße Hängematte. Sonnenstrahlen schienen ihre Lider zu streicheln und von weit her der Geruch nach Eis. „Lieber Kirsche oder Stracciatella?“, vernahm sie eine unheimlich attraktive Stimme. Jemand legte seine warme Hand auf ihre Schulter, und sie wusste, dass sie diejenige war, die eine Antwort geben würde. Langsam öffnete sie ihre Augen und blinzelte gegen die bereits tief stehende Sonne, einfach unbeschreiblich, ein umwerfender Mann! „Kirsche, danke“, sagte sie entzückt und nahm ihre Lieblingssorte entgegen. Er beobachtete sie beim Essen und legte sich neben sie. Irgendwoher kannte sie diesen Mann, er kam ihr unheimlich bekannt vor, als wäre er das, was sie schon immer wollte, aber nie bekam. „Lass uns spazieren gehen“, hauchte seine Stimme ihr ins Ohr, und sie stand auf. Es war ihr fast schon peinlich, wie sie ihn anstarrte, aber diese Lichtreflexe auf seinem Körper, seinen Muskeln … unfassbar. Unschuldig wandte sie ihren Blick ab und ließ sich seinen Arm um ihre Schulter und seine Hand in ihre legen. So hinterließen sie ihre Fußabdrücke im Sand, blickten in die Sonne und unterhielten sich, bis sie ein vertrautes Klingeln unterbrach.
„Nein, nicht jetzt“, dachte sie. Unwillig setzte sie einen Fuß nach dem anderen aus ihrer Hängematte, nicht auf warmen Sand, dafür aber auf flauschigen Teppich, und ging vorbei an ihrer lebensgroßen Orlando-Bloom-Pappfigur ans Telefon. „Hey“, nahm sie den Hörer ab, „verschlafen? Ja, ich bin beim Lernen weggenickt, du musst dir nachher unbedingt etwas angucken! Ich habe jetzt eine Hängematte und Palmen vor einem Sonnenuntergang an meiner Wand. So wollte ich mein Zimmer schon immer haben, und dann diese Bloom-Figur … einfach traumhaft!“

Von Wendelin Mangold aus Königstein, einem Autor des Verlags, gab es dazu bereits die erste kritische Würdigung:

habe eben "Traummänner" gelesen, ausgezeichnet geschrieben und Satire ist es auch nicht, sondern ganz normale Liebesträume eines jungen Mädchens. Wer ist Tanja Lücker? Sie hat zweifelsohne literarisches Talent. Ich könnte das an mehreren Stellen des Textes beweisen, so "rutschte sie tiefer in ihre Hängematte", "und von weit her der Geruch nach Eis", Jemand legte seine warme Hand auf ihre Schulter", "blinzelte gegen ... die ... Sonne", "hauchte seine Stimme ihr ins Ohr", "wie sie ihn anstarrte", "diese Lichtreflexe auf seinem Körper", "So hinterließen sie ihre Fußabdrücke im Sand", "setzte sie einen Fuß nach dem anderen aus ihrer Hängematte", "ich bin beim Lernen weggenickt" usw. Einfach großartig! 

Luisa Maureen Chilinski: Sprung

Heute (4. Oktober) ist es Luisa Chilinski, die mit ihrem Gedicht "Sprung" auf der Homepage des Geest-Verlags steht unter der Rubrik "Jugendliche melden sich zu Wort":

http://www.geest-verlag.de/audio/louisa-maureen-chilinski-sprung-jugendliche-melden-sich-zu-wort

Sprung

Nicht mehr verloren
im Leben gefunden
Platz genommen
im Wasser stehen

die Luft ist
warm
und nicht zu voll
Sommerabendschatten
Frühjahrshimmelsfrische
lass ich frei wehen mit
salzigem Blütenatem
umwallen die offenen Augen

die Welt um mich rum
hier und jetzt und keinen Augenblick weiter
will ich springen ins
glitzernd rauschende Meer
plantschen!

Im Leben angekommen.

Eike Wahls: Sprunghaft

Am 18.09.2012 stand unter "Jugendliche melden sich zu Wort" der Text "Sprunghaft" von Eike Wahls.

Auf der Seite des Verlags ist der Text auch als Hördatei verfügbar.

http://www.geest-verlag.de/audio/eike-wahls-sprunghaft-jugendliche-melden-sich-zu-wort-3

 

Eike Wahls
Sprunghaft


Nun stehe ich hier oben und schaue nach unten, weit nach unten. Wie ich hier heraufgekommen bin, weiß ich selbst nicht mehr, zu lange stehe ich schon hier. Viele Möglichkeiten gibt es bei uns, hoch zu kommen und hinunterzuschauen. Auf dem Kirchturm, dem Fernsehturm, dem Finanztower und letztlich auch hier oben. Noch eine falsche Bewegung und es endet vielleicht tödlich. Ein falscher Moment, eine falsche Bewegung, ein falscher Windzug. Aber hier ist es windstill. Was hab ich bloß falsch gemacht, dass es wieder so weit ist und ich hier stehen muss?
Zu oft schon stand ich hier oben und bin dann doch wieder nach unten gegangen. Aber nicht heute, heute springe ich … Heute muss ich einfach springen, weil tja, warum eigentlich? Ich glaube, es ist der soziale Druck, der mich springen lässt. Deshalb müsste ich eigentlich fallen sagen, denn man nötigt mich ja quasi. Wird es – unten angekommen – besser werden? Viel-leicht, doch noch falle ich. Er geht so schnell und einfach, dieser entscheidende Sprung. Ich falle. Ich falle und ich falle ins Tiefe. Ich falle und ich falle, weil es muss, nicht weil ich es will. Ich falle, adieu. Ich falle … und … in 30 Minuten schließt das Schwimmbad.
Ich musste es tun.

 

 

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