Aus dem Buch: dritter Text

Selbst ... ich?
so fragt das dritte Kapitel aus dem Buch "Aus schwangeren Laternen".
Hier ein Text, der diese Frage konkretisiert: "Der Versager" von Tale Inger Ulbrich
In den Augen der Anderen bin ich einfach nur „der Versager“. Warum? Drei Wörter: Ich habe Angst. Ich bin ängstlich, wirklich ängstlich, ständig bin ich eingeschüchtert von fast allem, fast, was sag ich, von allem, von allem und vor allem immer.
Ich habe Angst, Angst vor dem Führer, ihn nennt man „den Mächtigen“, Angst vor dem Arzt aus dem dritten Stock, für den Handfassen so einfach ist, mich ängstigt das Wetter, ob schön, miserabel, ich habe sogar Angst vor dem Stuhl, der da so steht, reglos, auf vier Beinen, wartend, dass jemand ihn auswählt. Sollte ich ihn auswählen? Schließlich war es mein Stuhl. Ich habe Angst, das Gefühl des Stuhls, der mich unbedingt als seinen Platzhalter fordert, nicht mehr loszuwerden.
Ich habe Angst vor diesen Gefühlen: Verfolgung, Verlangen, Versagen. Vor allem das Versagen, dass mich quält, Qualen, immer.
Fremd zu sein wünsche ich, egal wo zu sein, Hauptsache immer, immer fremd. Dann gäbe es mir gegenüber vielleicht keine Erwartungen, keine Erwartungen an den Versager, den Versager, der sogar das Autofahren aufgegeben hat, aus Angst, das Auto würde in eine Baustelle fahren. Nein, ich würde in eine Baustelle fahren. Doch wie sollte ich mich dann befreien? Eigentlich müsste ich ja einfach nur fahren, wie alle, fahren wie alle. Das fällt mir schwer. Warum? Ich habe Angst, Angst vor allen anderen. Angst, immer Angst.

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