Kim Weißer: Die Erkenntnis

Die Sonnenstrahlen schwammen auf ihrem schwarzen Haar, ein goldenes Meer, das vom Sturm erschüttert wurde, als ihre Haarsträhnen in die Luft stiegen schwerelos, für wenige Augenblicke.
Der weiße Blitz, der durch ihr Hirn zuckte, flackerte durch ihren Körper und ebbte ab.
Das Kätzchen am Straßenrand legte den Kopf schief. Seltsames, großes Mensch. Warum rannte es auf den Weg, auf dem die falkenschnellen, brüllenden Herden stampften? Das war doch gefährlich.

Jana schlug die Augen auf. Der weiße Schmerz war verschwunden, hatte alles andere mit sich genommen. Ihre Glieder fühlten sich leicht, als sie sich aufsetzte. Sie blickte sich verwirrt um, die Katze, die am Seitenstreifen saß, sie hatte sie doch von der Landstraße tragen wollen, als, als...
„Als der Honda Prelude Baujahr 1999 kam“, beendete der Junge am Straßenrand ihre Gedanken.
„Was, wieso ist mir nichts passiert?“, stammelte Jana, und besah sich ihre Hände, glatt und rein.
„Du bist doch tot“, antwortete der Junge unbeeindruckt und rupfte ein paar Gräser vom Grünstreifen.
Jana schnappte nach Luft, erneut durchfuhr sie der Blitz, stach in ihrem Hals, schoss durch ihre Brust, bis in ihre Zehenspitzen, ließ ihre Finger krampfen.
Sie keuchte.
„WAS??“
Der Junge nickte und zerpflückte ein Gänseblümchen.
„Nein, nein ich, ich bin nicht tot, das siehst du doch, ich bin ja noch hier! Ich kann ja noch denken und reden, sprechen, du, du kannst mich ja noch hören.“
Jana schwindelte. Sie rang verzweifelt nach Luft und Argumenten.
Sie konnte nicht tot sein!
„Das Auto hat dich überfahren. Ein Honda Prelude Baujahr 1999. Ich mag Autos“, nuschelte der Junge und hielt mit einem Mal einen kleinen roten Rennwagen in der Hand. Er setzte sich auf die Straße und zog den Wagen über den Asphalt.
„Ich bin nicht tot!“, rief Jana und sprang auf, „ wenn ich tot wäre, würde ich keinen Schmerz spüren!“
„Das ist die Erkenntnis. Außerdem bin ich hier. Du musst also tot sein, vom Auto überfahren“, sagte er zum roten Auto, seine Stimme voller kindlicher Überzeugung.
„Du bist nicht real, du bist ein Hirngespinst, ich erfinde dich nur, zur Kompensation des Schocks“, schrie Jana und hielt sich die Ohren zu.

Plötzlich stand ein junger Mann vor ihr und warf ihr das rote Auto zu. Leblos prallte es an Jana ab, die fassungslos auf den Bart im Gesicht des 20-Jährigen starrte.
„Ich, ich bin tot?“, fragte sie mit zitternder Stimme, ihre Knie knickten weg.
„Nein, nein, ich kann nicht tot sein, ich wollte doch noch alles, noch so viel machen.“
Ihre Finger rasten über den Asphalt, fieberhaft nach Halt suchend, doch sie fanden nur die Straße, nur dieses rote Auto. Dieses verdammte rote Auto, dieses Auto, das sie überfahren haben sollte, dieser dreiste Typ, der ihr erzählte, sie sei tot, dass sie ihre Familie heute Abend nicht sehen würde, nicht den 16. Geburtstag ihres Bruders feiern könnte, nicht ihr Abitur machen würde...
„Ich darf nicht tot sein!“, brüllte sie. Sie sprang auf mit wutverzerrter Miene und schleuderte das rote Auto auf den Unheilsverkünder.
Es streifte ihn nicht mal.
Jetzt schrie auch er: „ Dass du niemals studieren wirst, niemals den Abschluss deines Bruders sehen wirst, niemals heiraten kannst, niemals Kinder stillen wirst, deine Eltern nicht mehr zu Grabe tragen kannst! Das alles und noch viel mehr sage ich dir! Du bist tot. Dein Herz hat aufgehört zu schlagen. Alles, was du dir vorgenommen hast, wird nicht mehr geschehen, nicht mehr mit dir! Du bist tot! Verstehst du mich.“
Jana schluckte. So schnell die hässliche Fratze sein Gesicht verschlungen hatte, so schnell glätteten sich die Wogen wieder, wurden gütig stille Wasser.
Ihr wurde schwindelig und sie fasste sich an den Kopf. Sie spürte warmes, klebriges Blut, das ihren Arm hinablief.
„Aber wieso?“, fragte sie flüsternd, taumelnd auf ihre rote Hand starrend.
„Weil ein Auto dich überfahren hat, ein Honda Prelude. So ist es nun einmal, es musste nicht sein, aber nun ist es so gekommen, nun bin ich hier, um dich mitzunehmen.“
Er hielt ihr seine Hand hin.
„Aber, dann wäre mein Tod völlig sinnlos. Ich wäre umsonst, einfach so, ohne Sinn...“, stammelte sie.
„Nein, das war er nicht. Du wolltest die Katze retten, deshalb bist du auf die Straße gerannt.“
„Ja, genau“, sagte Jana plötzlich, und spürte Hoffnung durch ihre Adern pulsieren, „ ich habe die Katze gerettet, ich habe etwas Gutes getan, ich kann also nicht sterben, das wäre unfair. So läuft das nicht. Ich habe so viel Gutes schon getan. Wenn ich jetzt wegginge, dann würde das viele Menschen unglücklich machen.“
„Das stimmt.“
„Und, und wer soll jetzt auf die Nachbarskinder aufpassen? Du kannst mich also nicht mitnehmen. Bitte, das kannst du nicht machen. Wenn ich nicht da wäre, hätten meine Eltern sich nie das große Haus gekauft und mein Bruder hätte nie die 8. Klasse geschafft, wenn ich ihm nicht geholfen hätte, und Fiona wäre nie mit ihrem Freund zusammengekommen und Vanessa hätte nie die Drei in Englisch geschafft.“

Und plötzlich brachen die Erinnerungen und rollten über sie hinweg, die Tränen über ihren Wangen. Sie spürte eine warme Hand auf ihrem Rücken, ein älterer Herr stand neben ihr, sein weißer Bart war säuberlich gestutzt, seine Hand fuhr Trost spendend auf und nieder.
„Das ist wahr. Du begreifst nicht − noch nicht −, wie wichtig du warst und bist, vor allem für deine Eltern. Sie sind an dir gewachsen, reifer geworden, zusammengewachsen, haben die tiefe Liebe gespürt, die nur das Kinderlachen oder die Tränen der Tochter gebären können. Erinnerst du dich an euren Urlaub in Frankreich? Du warst sechs, und deine Mutter sah dir beim Spielen im Sand zu. Ich habe alles richtig gemacht, dachte sie. Oder als du mit deinem Zeugnis nach Hause kamst, da war sie stolz auf dich. Oder als ihr im Garten gearbeitet habt, vergangenen Herbst, alle zusammen, da scherzten deine Eltern mit dir und dachten, wir haben ein gutes Leben. Damit hast du sie glücklich gemacht. Und nicht nur sie...“
Er stockte und richtete seinen Blick auf die Straße.

„Da kommt der Notarzt“, bemerkte Jana tonlos, die Trauer hatte ihre Stimme beinahe verschluckt.
„Er kommt zu spät. Ich bin der einzige, der sich deiner annehmen kann. Kommst du mit mir?“
Und auf einmal stand wieder der kleine Junge vor ihr, nahm ihre kalte, rote Hand in seine kindlich warme.
Jana sah den Krankenwagen halten, spürte den Grip der Reifen, als der Wagen wenige Zentimeter vor ihr zum Stehen kam. Die Männer liefen an ihr vorbei, ihr Atem striff sie.
„Werde ich meine Eltern, meine Familie, meine Freunde noch sehen?“
Der junge Mann nickte: „Du musst für sie da sein, sie trösten, es wird schwer für sie werden.“
Jana sah, wie der Notarzt den Kopf schüttelte und die Sanitäter begannen ihre Sachen einzuräumen. Sie wandte sich ab.
Der ältere Herr legte ihr seine Hand auf die Schulter, schob sie mit sanftem Druck fort.
„Sie werden dich vermissen.“

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