Karen Luc: Jugendsünde

Müde Schwüle tropfte dunkel von der rosa Blümchentapete. Schwer legte sich die feuchte Luft, in das Zimmer schleichend, auf alles Leblose und Lebende. Der helle, kluge Kopf neigte sich dem Ende, die Öffnungszeiten waren vorbei. Bebende Stille. Die gefangenen Glühwürmchen flackerten schwach und kurz, bis sie zerstört wurden. Sie erwachte. Völlig aufgelöst tapste sie in ihrem duftenden Nachtnegligé durch ihre Schreibtischschublade und griff nach der unsichtbar von Tabak umhüllten Streichholzschachtel. Die schüchterne Flamme erlichtete den verbrecherischen Klumpen. Ein grün-rot frühgereifter Apfel. Sie nahm ihn an sich. „Der kommt doch aus unserem Garten!“, dachte sie und glitt instinktiv zur Balkontür. Ihr Puls raste, als ihre Blicke mit den verlorenen eines braun zerzausten Kopfes aufeinanderstießen. Sie wusste, dass er betrunken sein musste. „Alyssa, ich will dir was sagen!“ Ihr hellwacher Verstand holte sie zurück. Seine Gehirnzellen defektierten. „ Jeden Morgen…an dem ich dich seh- ne…sehe ich mich… nach… dich! Keine Stunde vergeht … ohne, dass ich - nicht…“ Hin und her schwenkte er zum Pendel einer brüchigen Uhr. Erst jetzt entdeckte sie den verwelkten Blumenstrauß zwischen seine Fingern geklemmt. Margeriten, aus ihrem Garten. „ Keith,… bitte … bitte geh nach Hause!“ Sein glasiger Blick verengte sich, genau wie damals. Vergangene Gedanken durchkreisten irrelos ihren Kopf. Sie standen vor der Schulbibliothekskammer. Sie wunderte sich, was den sonst so schüchternen Mitschüler aus ihrem Biologiekurs hier aufhielt. Sein Blick spiegelte ihre eigenen Augen wie das bunte Glas ihrer Balkontür wider. Faszinierend. Die Hände, zwei Lektüren im Regal seiner Hosentasche gesteckt, stammelte Keith sie zum ersten Mal an. „Du hast ein wirklich … engelgleich schönes Tattoo.“ Eine goldene Feder ragte verschmitzt aus dem gebrochenen Flügel ihres linken Knöchels. „Danke.“, antwortete sie und eine rötlich blasse Wärme umspielte ihre Wangen. Es ziepte. Ein neugieriger Blick genügte, um die deutlichen Spuren ihrer schwachen Nerven zu erkennen. Doch das beschwingende Gefühl der Bestätigung haftete sich fest an ihr. „Bitte, Alyssa… lass mich rein! Ich …ich… liebe dich.“ Eine Starre des Schocks ließ ihre Arme sinken. Sie hatte es gewusst - schon lange. Und doch setzte ihr Puls beim Anklang dieser drei einfachen Wörter aus. Nie zuvor, außer bei ihrer alten Mutter, durchdrungen solche lieblichen Worte zu ihr. „Mama, sag mir warum. Es bleibt auch nur dieses eine Mal! Diese eine letzte Party im Monat.“ Flehentlich. „Nein, meine Liebe. Du bleibst brav zu Hause. Schließlich ist dein Vater heute zurückgekehrt.“ Alyssa ließ nicht nach; sie wollte nach den Sternen greifen. Der lächelnde Abend, an dem sie Momente der sich mit ihr verschmelzenden Welt genießen wollte, endete bitter und vereist. Eine leere Wand weiter wehten dumpfe Schreie ihrer streitenden Eltern durch den Türschlitz ihrer geschlossenen Zimmertür. Von der Starre erlöst, zitterte sie leicht. Ihr hellwacher Verstand verließ sie. Die verblassten Flügel schritten automatisiert von Fenster zurück. Momente der Dunkelheit zogen weiter. Befreit wandelte sie sich vom weißen Strudel zwischen Zeit und Illusion ab. Eine Fülle von Schwarz befleckte das belebte Naturwild, Erinnerungen verliefen sich in der Masse. Die Woge unausgesprochener Tropfen legte sich schwer auf die leblosen Schatten. Leichenduft. Die Glühwürmchen waren längst ausgeschwirrt. Sie versammelten sich punktuell auf den trockenen vermoderten Boden an. Alyssa wedelte sie seichte weg. Ein saftiger rot ausgereifter Apfel. Das langsam verschwimmende Glas im Herzen nahm sie ihn an und biss blind hinein.

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