Eike Wahls: Mein Feind, der Nachtfreund

Eigentlich sollte es der erste Tag in meinem neuen Leben werden, an dem ich auferstehe von den Depressierten, an dem ich das tiefe Tal der Trauer hinter mir lasse. Wie aus dem Nichts kam es über mich, gerade über mich, den doch sonst so bodenständigen Kaufmann von nebenan. Es sollte der erste Tag werden, an dem es wieder aufwärts geht. Verkehrsunfall auf der Autobahn, 200 Sachen, Leitplanke, eine tote Frau, meine Frau, keine Verletzten, nur Blechschaden. Für mich allerdings Totalschaden... Der erste freie Tag bis dass der Tod euch scheidet, also nun geschieden hatte.
Auf dem Friedhof hatte ich sie kennen gelernt, ähnliche Geschichte, mein Alter; erstes, nun gut, zweites Treffen auf dem Jahrmarkt um die Ecke.
Früher konnte ich es nie ertragen, in eine ungewisse Zukunft zu vegetieren, andererseits könnte ich meinen Beruf gleich an den Nagel hängen, wenn mein „Ein-und-Alles“ nicht mehr hier ist, von uns gefahren ist. Warum lebt man denn noch, wenn die Realität es möglich macht, jeden in eine solche Perspektivlosigkeit zu zwingen? Ich jedenfalls gehöre nicht zu diesen Freunden der Realität, die vor der ersten Freundin einen Bausparvertrag hatten. Obwohl das so auch nicht richtig ist, denn vor dem Wegfahren war ich auf dem besten Weg gewesen, in diesen Freundeskreis aufzuschließen. Doch eigentlich sollte ich Ihnen das hier gar nicht erzählen, wenn es doch mein erster Tag ist heute. Aber die Vergangenheit als guter alter Freund bleibt an mir haften wie ein Schatten in der Sahara, selbst die Nacht kann ihn nicht vertreiben, sie vermehrt ihn, sodass er fett wird. Dann liege ich dort alleine und doch ist es, wie als wenn man immer wieder eingeholt wird, von der Vergangenheit, diesem fetten Freund, der mich mit seiner Unförmigkeit immer daran zu erinnern versucht, wie es war früher. Nachts muss ich mich ihm stellen, denn dann ist er überall um mich herum und ich falle in dieses tiefe Loch der Verfolgung alter Gedanken, auf der Suche nach dem Licht.
Eigentlich sollte es der erste Tag in meinem neuen Leben werden. Ich stellte keine zu hohen Erwartungen an ihn, außer dass er mein Leben verändern sollte. Aber dies macht doch auch schon heute jeder Tag? Was war nun also das Besondere an diesem Tag? Versprach ich mir von dem Treffen einer Witwe wirklich so viel, dass es sich lohnte, von Neubeginn zu sprechen?
Wir trafen uns am Riesenrad, Erkennungszeichen Kreuz als Halskette. Warum wir danach ausgerechnet in die Geisterbahn wollten, dessen kann ich mich nicht mehr entsinnen, wenngleich es durch viele neue Ereignisse erneut in mir belebt wurde. Dieser Ort verbarg eine tiefe Offenbarung. Wenn ich vorher gewusst hätte, dass mein guter alter Freund sich selbst in ihr verbarg, ich wäre nicht eingestiegen. So nun aber musste ich mit ansehen, wie er auf mich lauerte, direkt nachdem die Gondel die Eingangstür passierte. Meine Begleiterin musste ihn auch spüren, schließlich schmiegte sie sich an meinen Oberarm, umklammerte ihn wie einen Rettungsring. Eigentlich sollte es der erste Tag in meinem neuen Leben werden, doch ich brüllte aus Leibeskräften einen ehemaligen guten alten Freund an, der nicht akzeptieren wollte, dass ich keine endlosen Nächte mehr mit ihm verbringen möchte, mich der Versuchung, seine Nähe zu suchen, entsagen wollte. Ich wurde ihn aber nicht los, dieses Wesen, das sich Freund schimpft und mich umgibt wie eine schwarze Brille, die sich nicht mehr abnehmen lässt. Ich brüllte ihn weiter an, sprang auf und warf meinen Schuh nach ihm, aber es half nichts, denn er war schließlich überall. Meine neue Bekanntschaft wusste nicht, was sie tun wollte, und schien mehr aus Frust als aus Angst zu schreien, bei mir hingegen war es schlicht Angst, wieder in die tiefe Schwärze zu fallen, durch die ich gerade fuhr.
„Hau ab“, schrie ich und „Such dir jemanden anderes“, entgegnete ich seinem Schweigen. Schweigen war sowieso sehr typisch für ihn, immer nur Schweigen. Ich konnte selbst den ganzen Tag lang mit ihm in alten Gedanken schwelgen, ein Wort brachte er dabei nie hinaus. Einzig seine Anwesenheit war Grund genug, mich zu belasten. Damit sollte aber heute Schluss sein.
Eigentlich sollte es der erste Tag in meinem neuen Leben werden, doch auf einmal wurde es Licht. Offensichtlich musste ein Mitarbeiter der Geisterbahn meinen Freund rausgeschmissen haben, richtig so, zahlte er doch keinen Eintritt und beanspruchte trotzdem, sich drinnen auszubreiten und auf mich zu lauern. Nur um mich dann wieder in diese tiefe Welt zu stürzen, wo er mich hinhaben will. Er scheint Spaß dabei zu haben, andere leiden zu sehen, anderen den letzten Atemzug aus der Lunge zu blasen oder anderen Steine in die Suppe zu schmeißen, die es auszulöffeln gilt. Genau genommen kann mein Freund also gar nicht ein Kumpel sein, es muss sich um einen Feind handeln, welcher mich immer wieder umgibt, um mich zu benebeln mit seiner Melancholie, bis ich angesteckt bin von ihr wie von einer Droge. Ich nenne meinen Feind „Nachtfreund“, denn nur mit einem Namen kann ich ihn auch bekämpfen.
Eigentlich sollte es der erste Tag in meinem neuen Leben werden, doch er beginnt mit einem Kampf gegen das Alte.

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