Lena Schnieders: Die Französin

Grümmelsheim an einem Samstagabend so gegen halb zehn. Frau Milchmayer steht hinter der Theke ihrer kleinen Schenke und überlegt krampfhaft, was wohl ein "Pommes de terre" und ein "l´eau" sein könnten. Das war die Bestellung einer jungen Frau, die nicht von hier kam. Keiner kannte sie oder hatte sie schon mal gesehen, aber die Männer konnten sich von den Bildern in ihrem Kopf, die das Auge zuvor eingefangen hatte, nicht lösen.
Mich selbst erinnerte sie ein wenig an Brigitte Bardot durch ihre blonden Haare, den tiefen Ausschnitt und die lange Zigarette zwischen ihren rot lackierten Fingernägeln. Ich ertappte mich dabei, wie ich mich über ihre blonden Haare wunderte, obwohl sie doch Französin war. Der klassische Schubkistendenker, der in uns allen steckt, war zum Vorschein gekommen. Dabei hasste ich Schubladendenken. Es ist doch auch nicht jeder Deutsche ein jodelnder Kuckucksuhrenliebhaber.
Frau Milchmayer kreuzte meinen Gedankenfluss, als sie der französischen Dame eine guten Schleif voll Kartoffelsalat und etwas Apfelsaft brachte. Die arme Frau, sie hatte nicht herausgefunden, was die Bestellung wirklich bedeutete, und einfach einen deutschen Klassiker serviert. Dem Brigitte-Verschnitt war der Ekel über das Mahl deutlich anzusehen und sie konnte es sich nicht verkneifen, die Wirtin zu beschimpfen. Das ganze Theater nur wegen Kartoffelsalat und einer Kommunikationsstörung.
Nachdem das französische Fräulein ihren Tobsuchtsanfall überwunden hatte, erschien ein kleiner Mann im Wirtshaus.
Er hatte kurzgeschorene schwarze Haare, die er mit einem grünen Generalshut bedeckte. Seine Uniform war übersät von Abzeichen und seine hohen Stiefel glänzten wie die Speckschwarten beim Metzger. Er hatte eine tiefe Narbe in der linken Gesichtshälfte, die er keineswegs verbarg. Ganz im Gegenteil, er schien sehr stolz auf sie zu sein, genauso wie auf den Stern, der sein Land repräsentierte und auf seiner linken Brustseite aufgenäht war. Er blickte suchend durch den Raum, schien aber nicht auf das zu stoßen, was er suchte.
Sein "Spotblick" blieb auf dem Ausschnitt der Französin hängen. Meine Nackenhaare stellten sich auf, als ich sah, wie sich ein grausames Lächeln auf seinem Gesicht zu entfalten begann, er korrigierte seinen Ausdruck nicht, sondern schritt auf sie zu. Seine strammen Schritte erfüllten den ganzen Raum und mir war, als würde er nicht mehr warten können, als habe er es eilig oder sehr nötig.
Die junge Frau sah ihn an und schien sofort zu verstehen, was er wollte. Aber sie zierte sich. So ist es recht, ich war vergnügt über den Gedanken, dass ein so harter Soldat, der Orden und Abzeichen trägt, nicht in der Lage dazu war, eine Frau rumzukriegen.
Ich lag falsch, er packte sie wütend am Handgelenk und riss sie zu sich. Der Tisch fiel zu Boden und der Kartoffelsalat bahnte sich seinen Weg auf dem Fußboden. Es blieb kaum Zeit zum Nachdenken, denn er zog sie hinter sich her auf die Straße und dann in ein Auto.
Ich lief hinterher, entsetzt über das eben Geschehene.
" Hey Sir, Sie können doch nicht...." Draußen war Totenstille.
Als wäre nichts passiert, legte die Dunkelheit sich über die Bewohner und den Zwischenfall in der Schenke.

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