Der prämierte Text von Svenja

Ich bin müde
(Svenja Marie Bösing)

Er steht vor mir. Groß und breitschultrig. Er trägt dunkle Jeans und einen blauen Pullover. Seine weichen Gesichtszüge sind von dunkelblauen Haaren gerahmt.
„Hey“, sagt er, „ wie heißt du?“
Ich richte mich auf und stecke meine Hand in die Hosentasche. Bleib cool, sage ich mir.
„Wer will das wissen?“ Er lacht. Ich glaube, das war eine Spur zu übertrieben. Doch dann antwortet er: „Joe.“
„Hannes“, sage ich.
„Wie alt bis du?“, fragt Joe.
„15 – und du?“
„17“, sagt Joe und dann, „ich komme aus Amerika.“
„Ach ja! Und warum sprichst du dann Deutsch?“
Im nächsten Augenblick tut es mir leid. Ich öffne den Mund, doch kann nichts sagen. Einen Moment schaut er mich an. Dann spuckt er auf den Boden, dreht sich um und geht.
„Was soll das?“, rufe ich ihm hinterher.

Die Mittagssonne brennt mir heiß im Nacken. Oh Mann, ich halt’s hier nicht mehr aus.
„Mama? Ich lauf ein bisschen über den Campingplatz.“
Also stehe ich auf. Ich weiß schon, wo ich hin will, denn einen anderen schattigen Platz fände ich so oder so nicht. Ich setze mich auf die Schaukel und lasse den Kopf sinken. Ich bin so müde, ich kann die Augen kaum aufhalten. Um wach zu bleiben, stoße ich mich mit den Füßen ab und schwinge vor und zurück. Den Blick der französischen Sonne entgegen.

Ich liege mit dem Bauch auf der Decke. Der Stoff kitzelt in meinem Nabel. Die Hitze lässt kleine Schweißperlen meine Schläfe hinabrinnen. Ich schlafe ein, endlich.

Ich spüre, wie sich ein Schatten über meinen Rücken legt. Jemand beugt sich mir entgegen, legt seine Hand auf meine Schulter. Sie ist nass und kalt, ein Schauder überläuft mich. Ich drehe mich um, und Joe blickt mir entgegen. Schnell setze ich mich auf. Mir wird schwarz vor Augen, und ich schüttle den Kopf.
„Alles klar, Hannes?“ Seine Stimme klingt besorgt. Ich muss lächeln.
„Ja. Nur zu schnell hingesetzt. Weißt du, wie spät es ist?“
Er blickt mich an, seine Augen rost-braun. „Auf jeden Fall noch nicht zu spät für einen Sprung ins Wasser!“, antwortet er und rennt aufs Meer zu. Kurz davor stoppt er und zieht sein Shirt aus. Er ist durchtrainiert, seine Haut milchkaffeefarben. Langsam stehe ich auf. Mein Kopf brummt von zu viel Sonne. Nur widerwillig entkleide auch ich mich.
Meine Haut ist weiß und mein Bauch wölbt sich ein bisschen zu weit vor.
Schnell renne ich ins Wasser und stürze mich in die Fluten. Auf einmal taucht Joe neben mir auf. Er grinst und klopft mir auf den Bauch. Ich werde rot und lächle schüchtern zurück.
Dann taucht er unter und ich folge ihm. Im Wasser schlägt mich keiner. Tauchen kann ich wie kein anderer.
Schwer atmend tauche ich neben Joe auf. Seine Haare stehen in alle Richtungen ab. Seine Augen sind rot vom salzigen Wasser.
„Und? Na, wie lange hab ich getaucht?“
„Keine Ahnung“, sagt er, „es war zu lange, ich hatte keine Lust mehr zum Zählen.“
Ich ärgere mich. „Mann Joe, ich hab immer mitgezählt. Das ist unfair.“
Er lacht, lacht mich aus! Wütend bespritze ich ihn mit Wasser. Eine Ladung direkt in seinen spöttischen Mund.

Er hustet, hustet und hört nicht mehr auf. Ich bin müde, doch ich schwimme in seine Richtung. Habe Panik, dass etwas nicht stimmt. Ich fasse ihn an der Schulter.
„Was ist los?“ Was hast du denn?“ Grade als ich direkt vor ihm stehe und in sein Gesicht schaue, schlägt er mit der flachen Hand aufs Wasser. Ein Schwall kommt mir entgegen, und ich kann mich nur knapp wegdrehen, um nicht alles ins Gesicht zu bekommen. Ich glaube es nicht. Mit einem Mal werde ich hellwach. Das schreit nach Rache!
Es dämmert bereits, als wir genug vom Wasser haben. Gemeinsam waten wir dem Strand entgegen.
Ich suche meine Sachen zusammen, ziehe mein Shirt über.
„Ich muss jetzt gehen“, sagt Joe und legt mir seinen Arm um die Schulter. „Treffen wir uns morgen, Hannes?“
Er blickt mich an, ich spüre seinen Atem an meiner Wange. Ich nicke. „Bis dann“, sagt er. Ich spüre, wie seine Lippen mein Ohr streifen.
„Ich geh gleich schlafen, Mama!“, rufe ich. Ich bin so müde.

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